Publikum während einer Keynote über Digitalisierung von Prof. Dr. Key Pousttchi
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Digitalisierung und Bank-IT: Chefsache Digitaler Wandel

Digitalisierung ist nichts für Feiglinge. Aber sie ist auch kein Hexenwerk, sondern eine Ingenieuraufgabe. Die zugegebenermaßen sehr komplex ist, aber lösbar. Wenn das gewollt ist.
 

Am Anfang war der Mensch. So einer wie Sie und ich, nur ohne die moderne Welt. Er lebte mit seiner Sippe im Wald. Er hatte Angst vor wilden Tieren. Aber mit Hilfe seines Verstandes gingen ihm mechanische Arbeiten immer einfacher von der Hand: Erst mittels simpler mechanischer Hilfsmittel, dann dem Einsatz von Tieren und schließlich folgte Automatisierung durch Wasser- und Dampfkraft. Das erste Maschinenzeitalter hatte begonnen: Der Mensch denkt, Gott lenkt und die Maschine macht die Arbeit.

Der Zweite Weltkrieg schließlich stößt das Tor zum zweiten Maschinenzeitalter auf: Denn als die Mathematiker in Bletchley Park den deutschen Nachrichtenverkehr entschlüsseln – Cyber-War der ersten Generation – werden erstmals nicht nur mechanische, sondern auch einfache Denkarbeiten automatisiert. Als dies vor 60 Jahren Standard wurde, standen die Banken in der ersten Reihe. 

Was aber taten die Banken mit der neuen Technologie? Die ersten 20 Jahre war es einfach: Viele Berechnungen waren vorzunehmen und große Datenbestände zu verwalten. Interne Prozesse wurden nicht immer anders, aber fast immer effizienter. In den zweiten 20 Jahren wurden Dienstleister und Kunden in die zuvor rein internen Prozesse einbezogen und immer größere Teile an beide ausgelagert. Für den Kunden begann dies mit dem Geldautomaten und endet bei dem noch andauernden Bestreben, mittels Electronic Banking nahezu jede Routine-Interaktion zu automatisieren – immer noch mit dem Fokus Prozesseffizienz. Dies ermöglichte, die störende und kostspielige persönliche Interaktion mit dem Kunden zu reduzieren. Wer will auch so viel Personal bezahlen? Und überhaupt – Kundenservice ist ja schön und gut, aber wenn schon Personal, dann doch bitte mit einer wertschöpfenden Tätigkeit: Vertrieb statt Beratung.

Ende der Informationsasymmetrie

Die letzten 20 Jahre schließlich umfassen das Internet-Zeitalter. Das brachte die komplette elektronische Durchdringung des Kundenalltags, anfangs stationär mit dem PC und inzwischen immer stärker ubiquitär mit dem Smartphone.

Und markiert damit eine dritte Phase, die sich von den zwei vorangegangenen deutlich unterscheidet, indem sie die Informationsasymmetrie aufhebt: Plötzlich verfügt der Kunde über die gleiche Information wie der Standard-Bankberater. Und hat einen unendlich größeren Handlungsspielraum. Denn das Oligopol weniger Banken mit weitgehend identischem Angebot und Verhalten weicht einem breiten Spektrum von Optionen für seine Finanzangelegenheiten. Das beginnt mit der günstigen Online-Bank und endet noch lange nicht bei einer Vielzahl neuartiger FinTech- und NeoBank-Angebote.

Die geben zwar einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie der Kunde von morgen mit seinen Finanzen umgehen könnte – anbieterübergreifend, kostenoptimiert und auf dem Smartphone immer griffbereit. Aber wirklich spannend wird es dadurch, dass sich auch eine Reihe von Nichtbanken brennend für die Finanzgeschäfte der Kunden interessiert. Allen voran Apple, Google, Facebook und Amazon – die damit ihrem Ziel näherkommen, den Endkundenzugang über alle Branchen hinweg zu monopolisieren, um die Margen der Realwelt-Unternehmen abzuschöpfen.

In dieser Situation rächen sich die zwei zentralen Fehler, die die klassischen Bankenwelt in ihrer unanfechtbaren Machtposition der letzten Jahrzehnten fast durchgängig begangen hat: Sie hat den Kunden nicht gepflegt und ihre IT atmet immer noch den Geist der COBOL-Ära.

Der scharfe Geruch von COBOL

Klar ist: Die Digitalisierung wird in der Branche keinen Stein auf dem anderen lassen und die Banken sind dafür denkbar schlecht aufgestellt. Wenn es dazu eines Fanals gebraucht hätte, dann wäre die Massenflucht des Comdirect-Führungspersonals vor deren Reintegration in die Commerzbank durchaus geeignet gewesen.

Ich weiß, dass ich mich in Bankenkreisen zuweilen unbeliebt mache. Blöde Sache. Das fing 2004 mit dem National Roundtable M-Payment an, als ich prognostizierte was passiert wenn man sich nicht einigt, und endete auch 2019 nicht, als ich in einer Keynote auf der DK Info über Fassadendigitalisierung und die Potemkin'schen Dörfer der Bank-IT sprach.

Bitte halten Sie mir drei Dinge zugute: Erstens forsche ich seit zwei Jahrzehnten intensiv über digitale (Finanz-)Dienste, das zugehörige neuartige Kundenverhalten und die daraus folgenden Veränderungen in den übergreifenden Wertschöpfungsnetzen. Wir haben die Bausteine für den Finanzmarkt der digitalen Zukunft in der Schublade liegen, ich weiß also wovon ich rede. Zweitens blicke ich ebenso ungeschönt auf Politik und Regulierung. 

EZB-Politik drückt Banken die Luft ab

Und habe bei einer Keynote auf Einladung des EZB-Vorstandes ebenso deutlich gemacht, wie fatal es ist, den Banken durch Regulierung die Hände auf den Rücken zu fesseln und mit der EZB-Politik die Luft abzudrücken, indem man ihre Erlösmodelle zerstört, während man den Apples und Googles mit der PSD2 die Kundendaten auf dem Silbertablett serviert (der nettere Teil des Vortrages ist als Artikel im Belgian Financial Forum online verfügbar). Und drittens sage ich diese unbequemen Wahrheiten, weil mir am Überleben der klassischen Bankenwelt liegt. Weil mir klar ist, an wie vielen Stellen etwa im ländlichen Raum ohne die örtlichen Genossenschaftsbank oder Sparkasse das Licht ausgeht. Wie es mit der Mittelstandsfinanzierung aussieht, wenn die deutsche Bankenlandschaft erstmal irreparabel beschädigt ist. Und weil der Weltkonzern Google in Deutschland weniger Arbeitsplätze schafft als die Mittelbrandenburgische Sparkasse zu Potsdam.

Es ist verantwortungslos, wie kurzsichtig, naiv und rückwärtsgewandt wie Politik, EU und EZB mit den klassischen Banken umgehen. Noch verantwortungsloser ist es aber, wie viele Vorstände, Verbände und „Gremlins in den Gremien“ (so mein Potsdamer Nachbar Günther Jauch über die ARD) seit 30 Jahren verhindert haben, dass digitale Technologien zu echter Innovation und Kundenfreundlichkeit in Banking und Payment genutzt wurden. Und wie sehr die Bank-IT nicht Enabler, sondern Klotz am Bein war.

IT ist kein Selbstzweck

In meiner Kindheit kannte jeder den Werbespruch „Die Bank an Ihrer Seite“. Wenn klassische Retail-Banken noch eine Zukunft haben wollen, müssen sie sich genau darauf besinnen. Und ihn diesmal wahr machen. Sie müssen dem Kunden in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt Orientierung, Halt und Sicherheit anbieten. Sich ehrlich sein Vertrauen verdienen. Über Institutsgrenzen zusammenarbeiten. Und die Bank-IT muss endlich verstehen, dass sie dazu da ist, diese Strategie zu unterstützen. IT heißt heute IT Business Value – IT nicht als Selbstzweck, nicht gegen die Kunden und nicht gegen die Mitarbeiter. Denn die Alternative ist, sich einen anderen Arbeitsplatz zu suchen.

 
Im Original als Kolumne der Zeitschrift gi - Geldinstitute, Februar 2021.