Publikum während einer Keynote über Digitalisierung von Prof. Dr. Key Pousttchi
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Mobile Payment, Künstliche Intelligenz und Verbraucherschutz – das verborgene Wesen der digitalen Bezahlverfahren verstehen

Keynote Prof. Dr. Key Pousttchi auf der Konferenz des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz und des BITKOM zum Safer Internet Day 2019

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Am 29.01.2019 sprach Prof. Dr. Key Pousttchi anläßlich des Safer Inernet Day in Berlin über eines der strategisch am meisten unterschätzten Themen in der Digitalisierung: den Zusammenhang zwischen Mobile Payment, dem Einsatz Künstlicher Intelligenz und dem Verbraucherschutz: "Es hat ja Gründe, warum Apple, Google, Facebook/WhatsApp und Amazon seit vielen Jahren sehr kostenintensive Mobile-Payment-Strategien verfolgen, obwohl die erzielbaren direkten Erlöse daraus vernachlässigbar sind. Die Anwendung moderner KI-Techniken auf Realwelt-Bezahldaten ist strategisch wichtig für sie. Für uns in Deutschland und Europa wird diese Spielart der Plattformökonomie Auswirkungen auf volkswirtschaftlicher Ebene haben."

Die Keynote wurde frei gehalten, es wurde nachträglich ein Redemanuskript erstellt. Es handelt sich dabei im wesentlichen um das 2019er-Update zu einer Ansprache von Prof. Pousttchi von 2013.


Konferenz des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucher­schutz zum Safer Internet Day 2019 in Kooperation mit dem BITKOM, Einführungsreferat von Prof. Dr. Key Pousttchi zum Thema "Mobile Payment, Künstliche Intelligenz und Verbraucherschutz – das verborgene Wesen der digitalen Bezahlverfahren verstehen"

 

 

Lektorierte Abschrift der frei gehaltenen Rede

 

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Barley,
sehr geehrter Herr Berg,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

 

(I.)


Vor etwas über fünf Jahren, im November 2013, hielt ich schon einmal – auf den Bamberger Verbraucherrechtstagen des damaligen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz – das Einführungsreferat zum Thema Mobile Payment und Verbraucherschutz. Die ministeriellen Verbraucherschützer, heute in der Abteilung 5 des BMJV angesiedelt, hatten für die Veranstaltung mit einigen Weitblick das Thema Mobile Commerce gewählt. Ich sagte damals: "Was wir in den nächsten Jahren unter Mobile Commerce verstehen werden, hat nur noch am Rande mit dem zu tun was wir vor einigen Jahren darunter verstanden haben."


Der Begriff des Mobile Commerce ist heute weitgehend verschwunden. Der Effekt ist jedoch nahezu vollständig eingetreten: Hinter dem Smartphone als nützlichem, allgegenwärtigem und vermeintlich harmlosem Gadget verbirgt sich ein Megatrend, der das Verschmelzen der realen und virtuellen Welt zum Kern hat. Sie können das vergleichen mit dem, was bei Industrie 4.0 die Cyber-physischen Systeme sind. Wir haben das damals "Megatrend Mobile" genannt, auch dieser Begriff ist heutzutage weitgehend dem der Digitalisierung gewichen und insbesondere wird gerade vom einem Teilaspekt der Digitalisierung sehr stark gesprochen, von der künstlichen Intelligenz. Dieser Begriff ist natürlich emotional viel stärker belegt und das führt dazu, das er sowohl unterschätzt als auch überschätzt wird. Ich komme darauf später noch.

 

(II.)


Mobile Payment, also die Verwendung des Mobiltelefons des Endkunden für die Initiierung, Autorisierung oder Realisierung von Bezahlvorgängen steht im Zentrum dieser Entwicklung. Ich hatte in den Jahren 2004/2005 als junger Forscher für Herrn Dr. Goerdeler und das BMWi das National Roundtable Mobile Payment zu leiten, mit dem wir die deutschen Banken und Mobilfunkanbieter erstmals an einen Tisch bringen konnten. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: das ist 15 Jahre her.


Wir waren damals sehr früh und haben natürlich das Datenspiel noch nicht gedacht. Das gab es damals weder in der Realität noch in unserer Vorstellungswelt. Wenn man damals Marktteilnehmer gehabt hätte, die sich zu einem umfassenden Ansatz und der dazu erforderlichen umfangreichen Kooperation hätten durchringen können, wären wir dennoch heute in einer ganz anderen Position, als wir es gegenüber Apple, Google, Facebook und Amazon – sie sind alle von Frau Barley und Herrn Berg schon genannt worden – aktuell sind. Einige Banken und Mobilfunkanbieter hatten damals andere Interessen als Kooperation. Ich komme später zu den Folgen dieser Entwicklung.


Verbraucherschutz war für die Mobile-Payment-Verfahren alter Art ein Randthema, ein Thema für IT-Administratoren und Entwickler. Die Herausforderung für den Verbraucherschutz entstehen durch die andersartige Natur – Herr Berg hat es eben sehr treffend analysierendes Bezahlen genannt, ein Begriff der in seiner Ehrlichkeit nicht oft fällt – und ihre Einbettung in den Mobile Commerce neuer Art, der das Verbraucherverhalten in der realen Welt durchziehen wird. Wer das stationäre Internet nutzt, hinterlässt eine Datenspur, auf dem Smartphone wird aus dieser Datenspur ein flächendeckender Datenteppich. Dazu tragen drei Dinge bei: Erstens wird das Betriebssystem des Smartphones von Playern kontrolliert, deren Kerngeschäft und künftige Haupteinnahmequelle das Sammeln und Verwerten von Nutzerdaten ist. Sie schneiden diese an der Quelle mit, ohne dass der Nutzer faktisch eine Entscheidungsmöglichkeit hat. Zweitens sind heutige mobile Dienste und Anwendungen fast durchgängig absichtlich so konstruiert, dass alle Nutzungsdaten über die Server des Dienstanbieters geleitet werden – Ihre E-Mails zum Beispiel, obwohl es objektiv auch für die Dienstperformance oft anders sinnvoller wäre. Mit einem Kalauer könnte man sagen: "Die Cloud heißt Cloud weil sie …?" – Sie kommen selbst drauf. Und drittens wird das Smartphone immer mehr die Brücke zwischen der elektronischen und der realen Welt. Wir verknüpfen also 24 Stunden am Tag identifizierte, sehr detaillierte elektronische Nutzungsdaten mit Kommunikationsdaten, Telekommunikationsdaten, Ortsdaten und zukünftig immer häufiger auch mit Bilddaten sowie Informationen aus lokalen Netzen, mit denen sich ihr Gerät verbindet, zum Beispiel in der Wohnung, im Einkaufszentrum oder car-to-car im Straßenverkehr.

 

(III.)


Durch die neue Generation von Datenbanken wird es nun möglich, diese Daten automatisiert in Echtzeit auszuwerten. Durch Anwendung induktiver statistischer Methoden können dann sehr treffsichere Prognosen der Nutzerbedürfnisse, des Nutzerverhaltens und geeigneter Methoden seiner Beeinflussung sowie der zukünftigen Kundenwertentwicklung erfolgen. In der öffentlichen Diskussion würde man dies heute unter dem Titel "Künstliche Intelligenz" diskutieren.


Wir hören dieses Schlagwort heute aller Orten: Künstliche Intelligenz. Wenn öffentlich darüber gesprochen wird, finden wir am unteren Ende der Skala 20 Prozent, über den Daumen, mehr oder minder intelligente Wenn-Dann-Regeln, also wenn meine Laptoptasche auf dem Beifahrersitz liegt und ziemlich schwer ist, dann piept es so lange bis ich sie anschnalle, weil dort offensichtlich jemand sitzt. Es gibt eine Menge sinnvoller Regeln, die uns das Leben erleichtern, aber sie bleiben simples Wenn-Dann. Am oberen Ende der Skala gibt es so 5 Prozent, wo sie neuronale Netze haben, wo sie Deep Learning machen, wo sie tatsächlich Systeme haben, die mit tiefer gehenden Techniken künstlicher Intelligenz arbeiten. Darüber übrigens, denn das alles ist schwache Künstliche Intelligenz, darüber käme starke Künstliche Intelligenz – und die, meine Damen und Herren, gibt es noch nicht und sie ist auch nicht absehbar. Das alles, was zum Thema "die Maschinen unterhalten sich darüber ob sie den Menschen noch brauchen oder ob sie Kriege führen oder ob sie Staaten regieren" diskutiert wird, ist offenkundiger Unfug, manchmal von Leuten, die wissen, dass es Unfug ist, und manchmal von Leuten, die dringend Seiten vollschreiben müssen in verschiedenen Kontexten. Das ist unglücklich, aber das ist so.


Dreiviertel dessen was wir heute als Künstliche Intelligenz bezeichnen ist allerdings Maschinelles Lernen – und dem begegnen wir beim Mobile Payment sehr schnell wieder. Denn am Ende machen wir nichts anderes als induktive Statistik. Wir haben früher Modelle gebaut, indem wir uns überlegt haben: "Wie ist denn die Welt, warum benutzt ein Nutzer mobile Dienste, was ist handlungsauslösend?" Das ist ein Beispiel, das wir vor einigen Jahren untersucht haben. Dann treffen Sie Annahmen über die Wirklichkeit, stellen Hypothesen auf, bauen Ihr Modell, erheben eine Stichprobe und versuchen aus dieser Stichprobe auf die Grundgesamtheit zu schließen.


Die modernen Big-Data-Techniken, meine Damen und Herren, machen exakt das Gegenteil. Sie erheben alle Daten und schließen daraus auf den Einzelnen. Wie geht das technisch? Zutiefst einfach. Sie machen nämlich dasselbe, was wir vorher gemacht haben, nur dass Sie das Modell nicht mit mehr mit Kausalzusammenhängen bauen und sich vorher überlegen, wie die Wirklichkeit sein könnte, sondern dass Sie die Maschine einfach alle theoretisch denkbaren Modelle auf diesen Daten erzeugen lassen. Dann verwenden Sie Vergangenheitsdaten, um das Modell auszuwählen, das auf dem bisherigen Datenbestand die beste Prognosequalität aufweist. Und dann unterstellen Sie, dass dieses Modell dann auch für die Zukunft die beste Prognosequalität aufweist. Die Schwächen dieser Vorgehensweise leuchten unmittelbar ein. Aber damit sind erstaunliche Dinge möglich. Mastercard, Sie kennen das berühmte Beispiel, kann seit vielen Jahren besser vorhersagen wer sich in fünf Jahren scheiden lässt, als die Leute es selbst können. Das ist für mich als Forscher nicht weiter überraschend. Überraschend war für uns, mit wie wenig Daten sie es können. Denn das, was Herr Berg vorhin angesprochen hat, dass nämlich in den Bezahldaten keine Warenkorbdaten enthalten sind – die wissen nicht einmal, was Sie gekauft haben –,  das wird aus meiner Sicht in ein paar Jahren für moderne Mobile-Payment-Verfahren nicht mehr gelten. Mastercard kann mit den jetzigen, einfachen Daten aber bereits etwas so persönliches und mit diesen Daten unzusammenhängendes vorhersagen, dass Sie leicht die Mächtigkeit dieser Auswertetechniken erkennen – die doch eigentlich zu tiefst mechanistisch und ganz und gar nicht intelligent sind. Denn Künstliche Intelligenz bedeutet: Das Ergebnis ist dem, was der Mensch mit Intelligenz lösen würde, äquivalent. Die Vorgehensweise aber ist nicht intelligent, sondern der Maschine entsprechend mechanistisch.


Lassen Sie uns das nochmal ins Gedächtnis zurückrufen: Mastercard weiß, wann Sie wo welche Summe bezahlt haben, das war's. Wenn man mit so wenig Daten etwas so spannendes vorhersagen kann, etwas so persönliches – was kann dann jemand tun, der 24 Stunden am Tag weiß, wo Sie sind, der weiß, wer Ihre Freunde sind, der weiß, was Sie so für Nachrichten mit ihren Freunden austauschen, der weiß, was Sie so im Internet angucken und was sie vor 5 Jahren im Internet angeguckt haben, was sie längst vergessen haben? Was kann jemand tun, der all diese Daten nicht nur von Ihnen, sondern auch von all Ihren Kontakten hat?

 

(IV.)

 
Lassen Sie uns zu Mobile Payment zurückkommen. Nun könnte man annehmen, dass das alles im Mobile Payment dazu genutzt werden soll, die Payment-Daten in diesem Sinne zu verwenden. Das ist im Prinzip richtig, aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Lassen Sie uns kurz überlegen, wie ein entsprechendes System wirkt. Wir haben das vor einiger Zeit mal wissenschaftlich untersucht und auch veröffentlicht. Ein Kaufvorgang besteht aus drei Phasen: 1. Suche, 2. Bewertung und 3. Entscheidung. Und wenn Sie ein System haben, das entsprechende Vorhersagetechniken nutzt, können Sie entweder die Phase 1 oder sogar die Phasen 1 und 2 weglassen. Sie können sich ungefähr vorstellen, wie das am Markt wirkt und welche Player da das Nachsehen haben. Da gibt es dann genau einen, der den Kunden kontrolliert und der etwas hat, das wir Forscher universelle Empfehlungsmacht nennen.


Aber wann ist so ein System gut? Wenn man jetzt das Kundenverhalten anschaut – Sie können das an sich selber beobachten – ist das System dann gut, wenn seine Empfehlungen gut sind. Wenn Ihnen dreimal etwas empfohlen wird, das nicht gut ist oder sogar abwegig, dann ärgert Sie das und dann löschen Sie die App wieder, wenn Sie können. Wer also gewinnt nun das Spiel? Das Spiel wird der gewinnen, der Ihnen lauter gute und interessante Vorschläge macht. Wo Sie vielleicht lernen: Die Phasen Suche und Bewertung brauche ich gar nicht mehr, ich kann mich direkt entscheiden und in der Regel entscheide ich mich für "ja" – dann ist es ein gutes System. Und wie stehen die Sparkasse M-Payment, Payback Pay und Verimi dieser Welt da, was das angeht? Lassen Sie mir für die Antwort noch einen Moment Zeit.


Schauen wir zuvor noch einmal zurück auf die großen nordamerikanischen Daten-Player und fragen, wie die Geschichte dort weitergeht. Da gibt es jemanden, der eine riesige Menge von Daten über Sie hat. Ich habe es vorhin angedeutet: 24 Stunden am Tag wo sie sind, wer Ihre Freunde sind usw. Diese riesige Menge an Daten ist aber nicht mit dem Realwelt-Kundenverhalten verknüpft, mit Ihrem Kaufverhalten. Damit ist sie nur sehr schwer monetarisierbar. Wenn Sie jetzt aber über ein Mobile-Payment-Verfahren Bezahldaten aus der realen Welt erhalten, dann haben Sie dieses fehlende Bindeglied und können diese große Menge Daten aus der virtuellen Welt an das Realwelt-Kaufverhalten knüpfen.


Und das, meine Damen und Herren, ist das strategische Interesse der nordamerikanischen Unternehmen – nennen wir sie ruhig beim Namen: Apple, Google, Facebook und Amazon. Und wenn wir uns überlegen, warum die das tun, könnten wir uns jetzt es einfach machen und sagen: "Die sind eben böse und wollen uns ausspionieren." Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil, die Unternehmen handeln ganz rational, ganz simpel. Es gibt eine Sache, eine einzige Sache, die sie alle antreibt und das ist der Aktienkurs. Wie bildet sich ein Aktienkurs? Nicht durch Wachstum sondern durch Wachstumserwartungen. Apple verkauft mehr Telefone, der Aktienkurs sinkt. Warum? Weil alle sagen: „Aber nächstes Quartal verkaufen sie nicht noch mehr Telefone.“ Und dann verkaufen sie wieder mehr Telefone und der Aktienkurs sinkt wieder, weil alle erwarten, dass das irgendwann abbricht. Jetzt ist es neulich mal abgebrochen, da ist der Kurs dann gleich stark gesunken. Es geht also um Wachstumserwartungen. Aber diese Marktteilnehmer können in der virtuellen Welt gar nicht mehr so viel wachsen, dass die Aktienkurse auch nur gleich bleiben würden, denn 80 Prozent der Wertschöpfung finden noch in der realen Welt statt. Also müssen sie ihre Marktdominanz von der virtuellen Welt in die reale Welt ausdehnen, um sich dieses Potential zu erschließen. Und das tun sie. Sie handeln zutiefst rational.

 

(V.)


Kommen wir nun auf die Frage zurück: Wer wird das Spiel gewinnen? Das Spiel wird der gewinnen, der die besten Empfehlungen macht, haben wir zuvor festgestellt. Und wenn wir nun annehmen, dass alle Kinder gleich schlau sind – anzunehmen, dass ein deutsches Kreditinstitut ebenso gut mit Daten umgehen kann wie etwa Amazon mag ja schon etwas verzerrend sein, aber jetzt nehmen wir das einmal an –, dann gewinnt der, der die meisten und querschnittlichsten Daten hat, also: a) die meisten Kunden, b) die meisten Daten vom einzelnen Kunden und c) Daten aus vielen verschiedenen Lebensbereichen des Kunden.


Sie können diese Frage übersetzen mit: Wem gehört der Kunde? Und nun fragen wir weiter, woran man das ungefähr abschätzen kann. Die Kundenanzahl ist meist ermittelbar, die Frage nach der Datenmenge pro Kunde und vor allem deren Querschnittlichkeit ist deutlich schwieriger. Aber es gibt einen einfachen Indikator, mit dem wir das über den Daumen schätzen können: die Nutzungszeit. Das funktioniert relativ gut. Und jetzt nehmen Sie das Sparkassen M Payment. Ich will nichts gegen die Sparkassen sagen, die Lageanalyse, die sie gemacht haben, ist vollkommen richtig – nur ihre Antwort unterliegt halt demselben Denkfehler, dem auch Payback Pay, Verimi und die anderen unterliegen. Wie viel Nutzungszeit verbringen Sie mit denen? Ich habe das früher für Supermärkte gemacht, die meinten sie müssten ein eigenes M-Payment erfinden. Da haben wir geschätzt: eine Stunde oder zwei pro Woche. Hier mögen es mehr sein. Und nun legen Sie diesen Wert neben die Zeit, die Sie mit den Diensten von Apple, Google oder Facebook verbringen – dann können sie abschätzen, ob Sie ein Unentschieden rausholen werden oder nicht.


In diesem Sinne haben all die genannten deutschen Player die grundsätzlichen Effekte erkannt und auch adressiert. Sie überschätzen ihre Marktmacht jedoch dramatisch und unterschätzen die Eigengesetzlichkeit des Kundenverhaltens mit dem Smartphone im Allgemeinen und mit Mobile-Payment-Systemen im Besonderen.
Sie können das leicht abschätzen, ich habe soeben versucht, Ihnen das zu präsentieren. Insofern können diese Player das Spiel zwar spielen, aber nicht gewinnen, weil ihnen die Querschnittlichkeit fehlt. Die Eintrittskarte ist das, was ich vorhin universelle oder vollständige Empfehlungsmacht genannt habe. Sie können Empfehlungen abgeben, aber diese werden immer schlechter sein als diejenigen der Apple, Google & Co. Wenn ihre App es denn überhaupt in den Relevance Set des Kunden schafft. Und das heißt dorthin, wo die Apples und Googles mit dem Smartphone-Betriebssystem per Definition zu Hause sind und wo die Facebooks und Amazons zumindest fest verankert sind.


Das Problem geht bis auf die makroökonomische Ebene weiter. Wenn Sie schauen, was so ein "Kundenbesitzer" mit solchen Daten tut, dann könnten Sie natürlich hingehen und sagen – es steht ja überall in der Presse zu lesen: "Die Bösen, die verkaufen unsere Daten. Der Facebook oder der Google verkauft unsere Daten." Nein, das tun sie nicht. Auch der Facebook hat es nicht getan, jedenfalls nicht für Geld. Die müssten ja verrückt sein. Wenn sie die weltbeste braune Brause herstellen und alle wollen ihre braune Brause trinken – was tun Sie als nächstes? Ein Kochbuch herausgeben, für 20 Euro und sagen, aber der Druck hat mich nur 3 Euro gekostet? Oder sagen Sie: Wenn Du morgen wieder davon trinken willst, ich verkaufe dir gerne noch welche und übermorgen auch. Damit wird der Kundenzugang intermediiert, eine Wirkung übrigens, die so ähnlich auch durch die DSGVO verstärkt wird. Aber das ist nicht unser Thema heute, das hätte ich gerne Frau Barley gerne erläutert, wie wir Forscher das sehen und da wären unsere Ansichten etwas unterschiedlich gewesen. Denn die kleinen und mittleren Unternehmen haben ein sehr großes Problem mit der DSGVO. Anderes Thema, selber Effekt.


Wo kommen wir also hin? Wir kommen dahin, dass jemand diese Daten nimmt und sagt: „Lieber Händler Nummer 1, was bietest Du mir, wenn ich den Kunden zu Dir schicke?“ Händler Nummer 2, was bietest Du mir? Händler Nummer 3, dann Online-Händler Nummer 4, damit gibt es nochmal ein bisschen Druck. Und was machen Sie dann? Sie fangen bei Händler Nummer 1 wieder an. Dem 1x1 der Mikroökonomie folgend geht das runter bis zum Break-even-Point. Dann geht es noch ein bisschen weiter runter, bis nur noch die variablen Kosten gedeckt sind, also der Deckungsbeitrag gleich Null ist. Und wenn Sie dann noch so einen Zalando oder so etwas im Markt haben, mit viel Venture Capital im Rücken, der sagt: „Ich drücke die Preise noch ein bisschen, bis alle anderen tot sind“, dann ginge es noch weiter runter. Das ist das makroökonomische Problem, das dahinter steckt. Wenn Sie das dann nämlich wirklich spielen, dann betrifft das nicht nur den Handel, sondern jeden, der Endkundengeschäft macht: Banken, Versicherungen, Gastgewerbe – sagen Sie mir, wer davon nicht betroffen ist, und ich sage Ihnen, warum das wahrscheinlich nicht stimmt. Außer, Sie retten sich in eine Nische, so dass der Kunde ausschließlich zu Ihnen kommt und sonst zu niemandem, dann sind Sie halbwegs sicher.


Wenn wir in die Zukunft schauen wollen, hilft ein Blick nach China. Ich weiß nicht, wer von Ihnen WeChat benutzt. Ich kann Ihnen nur sehr empfehlen, sich das mal anzuschauen. Es ist inzwischen WhatsApp, dem Dienst von Facebook, weit voraus und stellt neben Alipay den De-facto-Standard im Bezahlen der Ladenkasse in China dar. Und mit dem Social Credit System des chinesischen Staates sind wir vielleicht nicht einverstanden. Es zeigt allerdings eindrucksvoll, was mit den zuvor beschriebenen Techniken möglich ist. Denn dieses System tut nichts anderes, als was ich Ihnen vorhin beschrieben habe. Im Westen, bei uns, herrscht über dieses System aller Orten Entsetzen. Aber wir sind nicht so weit davon entfernt, wie wir meinen. Nur ist es bei uns privatisiert und Sie haben es alle in Ihren Taschen. Das heißt, wir haben zwar keine staatlichen Daten und kein staatliches Interesse – zumindest nicht in erster Näherung und vielleicht auch nicht so sehr in Europa – aber dafür wäre bisher nicht bekannt, dass die chinesische Regierung ihren Bürgern kleine Lautsprecher-Mikrofon-Kombinationen ins Wohnzimmer und ins Schlafzimmer stellt, die – technisch betrachtet – alles mithören können.

 

(VI.)


Lassen Sie mich zusammenfassen. (* KP findet die Notizen dazu nicht sofort und scherzt dazu, darauf Zwischenruf eines Zuschauers: "Fragen Sie doch bitte Alexa", KP antwortet direkt darauf. *)  Das wird schwierig. Ich habe ja nicht mal ein Smartphone. Obwohl ich gar nicht technikfeindlich bin, ich hatte wahrscheinlich eins bevor jeder hier im Raum eins hatte, bei Herrn Berg bin ich mir nicht ganz sicher. Ich hatte nämlich ein Vorserienmodell von Microsoft, und das war 2002. Ich bin erst ausgestiegen als die Google/Apple-Geschichte kam und ich festgestellt habe, dass ich entweder denen all meine Daten übergebe oder kein modernes Smartphone haben kann. Das hat mich ziemlich frustriert, aber ich bin nicht bereit gewesen, diesen Preis zu zahlen. Ich habe auch mal versucht, WhatsApp zu installieren. Als ich dann gesehen habe, dass die Anwendung ohne mich zu fragen versucht, meine mehr als 2000 Outlook Kontakte herunterzuladen – so schnell hatte ich noch nie den Akku aus meinem Telefon raus. Bei meinem Blackberry ging das damals noch zum Glück noch. Das war 2010, seitdem bin ich mit denen fertig. Aber eigentlich kann das nicht sein, denn – es kann ja nicht sein, dass wir uns entscheiden müssen, entweder an der modernen Welt teilzuhaben und uns nackt zu machen oder unsere Privatsphäre zu behalten und dann eben die moderne Welt nicht zu betreten.


Trotzdem schließen Sie bitte nicht aus meinen Ausführungen, dass das Sammeln von Nutzerdaten verboten oder willkürlich erschwert werden sollte. Die Dienste der Zukunft werden alle auf der Auswertung von Nutzerdaten beruhen. Zahlreiche neue Geschäftsmodelle werden entstehen und Deutschland kann und sollte sich dem nicht entziehen. Das wäre nämlich, wie wenn wir vor 20 Jahren  gesagt hätten: "Internet? Finden wir nicht so gut. Machen wir nicht mit." Die Nutzer – nicht die hier im Raum, wir sehen das vielleicht alle etwas reflektierter hier, weil wir beruflich damit zu tun haben. Aber die Nutzer auf der Straße und auf dem Sofa übrigens auch – das Telefon ist 24 Stunden am Tag der Begleiter, nicht nur unterwegs – wollen die modernen und innovativen Dienste. Auf unreflektierte Verbote würden sie mit unreflektierten Einwilligungen reagieren. Die erteilen sie ja jetzt schon, wenn auch ungern. Entsprechende Lösungen wären also nur Scheinlösungen.


Die Lösung kann, erstens, nur heißen: Intelligente Regulierung plus eigene Innovation, mit dem Schwerpunkt auf dem Letzteren.


Wir haben vor 10 Jahren übrigens mal darüber gesprochen – jemand aus dem Arbeitskreis E-Payment hat auch mit dem Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, darüber gesprochen, den das aber nicht weiter interessiert hat –, ob man nicht den elektronischen Euro einführen müsste, also etwas in der elektronischen Welt, was die Eigenschaften von Bargeld hat. Peter Schaar wird beim ja zum Thema Bargeld heute Nachmittag noch einiges sagen. Für mich ist der Traum noch nicht ganz ausgeträumt, aber für realistisch weiß ich nicht, ob ich ihn halten kann. Wir hätten in Europa einen sehr großen Vorsprung bekommen können, wenn wir das getan hätten. Aber die EZB hat ja anderes zu tun gehabt.


Zweitens, langfristig brauchen wir auch ein europäisches Smartphone-Betriebssystem, wenn wir dieser Falle entkommen wollen. 5G wäre die Chance dafür gewesen, jetzt sind wir wahrscheinlich schon zu knapp. Es gibt aber Möglichkeiten, wie man so etwas tun kann.


Es gibt übrigens auch einfache Möglichkeiten, wie man Flächendeckung bei 4G- oder 5G-Netzen hinbekommt. Dazu haben wir mal vor 8 Jahren ein Journal-Paper geschrieben. Hat aber keiner gelesen, obwohl es in der wichtigsten wissenschaftlichen Wirtschaftsinformatik-Zeitschrift erschienen ist. Da sitzt einer von meinen Studenten in der zweiten Reihe, der musste es lesen – der könnte Ihnen erklären, wie das funktioniert und was die Bundesnetzagentur jetzt tun müsste, damit sie relativ schnell flächendeckende 4G/5G-Versorgung bekäme.


Drittens, mittelfristig – wenn schon langfristig entweder sehr langfristig bedeutet oder nichts wird – müssen wir in der Lage sein, ein Konkurrenzsystem zu dem zu bauen, was ich Ihnen da eben Böses an die Wand gemalt habe. Eine mögliche Lösung könnte eine neutrale Instanz beinhalten, die Kundendaten klassischer Offline-Unternehmen – und zwar möglichst aller – treuhänderisch sammelt, aggregiert, Auswertungen bereit stellt und Mobile-Marketing-Kampagnen ermöglicht, bei denen der Kunde seine Datenhoheit behält und der stationäre Handel nicht übervorteilt, sondern gestärkt wird.


Meine sehr verehrten Damen und Herren, die neuen Dienste werden kommen und Mobile Payment wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Wir sollten uns als Europäer aber weder abhängen lassen noch abhängig machen – das ist die Perspektive für die Zukunft. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 


Zum Vergleich: Hier die Keynote der Vorgängerveranstaltung vom 11.11.2013

 

Bamberger Verbraucherrechtstage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Einführungsreferat von PD Dr. Key Pousttchi zum Thema "Mobile Payment und Verbraucherschutz"


 

Sehr geehrter Herr Dr. Metz,
meine sehr geehrten Damen und Herren !

( I. )

Die Bamberger Verbraucherrechtstage stehen in diesem Jahr ganz im Zeichen des Mobile Commerce. Als einer derjenigen Forscher, die dieses Gebiet von Anfang an begleitet haben, und als Sprecher der Fachgruppe Mobilität und mobile Informationssysteme der Gesellschaft für Informatik darf ich Sie zu dieser Entscheidung und auch zur Wahl des Zeitpunktes ausdrücklich beglückwünschen. Was wir in den nächsten Jahren unter Mobile Commerce verstehen werden, hat nur noch am Rande mit dem zu tun, was wir vor einigen Jahren darunter verstanden haben.

Hinter dem Smartphone als nützlichem, allgegenwärtigen und vermeintlich harmlosem Gadget verbirgt sich ein Megatrend, der unser Leben in den nächsten zwei Dekaden dominieren und keinen Stein auf dem anderen lassen wird: das Verschmelzen der realen und der virtuellen Welt. Man kann das zu Recht den "Megatrend Mobile" nennen. In der Öffentlichkeit wird diese Entwicklung weitgehend unterschätzt.

 

( II. )

Mobile Payment, also die Verwendung des Mobiltelefons des Endkunden für die Initiierung, Autorisierung oder Realisierung von Bezahlvorgängen, steht im Zentrum dieser Entwicklung. Auch hier hat sich ein deutlicher Wandel vollzogen. Im Zuge der Leitung des National Roundtable M-Payment der deutschen Banken und Mobilfunkanbieter im Auftrag des Bundeswirtschafts­ministeriums in den Jahren 2004 und 2005 hatte ich schon damals versucht, die strategische Bedeutung dieser innovativen Bezahlverfahren für unsere Volkswirtschaft hervorzuheben und eine nationale Lösung anzustreben, die international wegweisend sein kann. Zu einem umfassenden Ansatz und zu der dazu erforderlichen Kooperation konnten sich die damals wichtigen Marktteilnehmer jedoch nicht durchringen. Ich komme später zu den Folgen dieser Entwicklung.

 

( III.)

Verbraucherschutz war für die Mobile-Payment-Verfahren alter Art ein Randthema. Es beschränkte sich weitgehend auf eine IT-Sicherheitsproblematik und Missbrauchsgefahr, die zum einen Teil analog zu klassischen kartenbasierten Bezahlverfahren und zum anderen Teil analog zu elektronischen Bezahlverfahren für das Internet bestanden. Beide Gefahren waren und sind heute noch relevant, mit den vorhandenen Mitteln jedoch gut beherrschbar. Sie sind nicht synergetisch und beinhalten damit prinzipiell keine neuartige Herausforderung.

Die Diskussion, die anlässlich der Einführung der kontaktlosen Geldkarte durch die Sparkassen in Teilen der Medien um die Sicherheit der NFC-Technologie geführt wurde, erschien mir offen gestanden etwas bizarr. Mir ist kein Angriffsszenario gezeigt worden, das realistisch das Potential zu einer ernsthaften Bedrohung für ein vernünftiges Bezahlverfahren gehabt hätte.

Wir reden hier über Probleme für IT-Administratoren und -Entwickler. Sie stellen für Verbraucherschützer auf ministerieller Ebene keinen Grund zur Besorgnis dar.

 

( IV. )

Die Herausforderungen für den Verbraucherschutz entstehen durch die die andersartige Natur der kommenden, modernen Mobile-Payment-Verfahren und ihre Einbettung in den Mobile Commerce neuer Art, der das Verbraucherverhalten in der realen Welt durchziehen wird.

Wer das stationäre Internet nutzt, hinterlässt eine Datenspur. Auf dem Smartphone wird aus dieser Datenspur ein flächendeckender Datenteppich. Dazu tragen im Wesentlichen drei Dinge bei. Erstens wird das Betriebssystem des Smartphones von Playern kontrolliert, deren Kerngeschäft (und künftige Haupt-Einnahmequelle!) das Sammeln und Verwerten von Nutzerdaten ist und die diese an der Quelle mitschneiden, ohne dass der Nutzer faktisch eine Entscheidungsmöglichkeit hat. Zweitens sind heutige mobile Dienste und Anwendungen fast durchgängig absichtlich so konstruiert, dass alle Nutzungsdaten über die Server des Dienstanbieters geleitet werden, obwohl es objektiv auch für die Dienstperformance oft anders sinnvoller wäre. Mit einem Kalauer könnte man sagen: "Die Cloud heißt Cloud weil sie Cloud...".

Und drittens wird das Smartphone immer mehr die Brücke zwischen der elektronischen und der realen Welt – wir verknüpfen also 24 Stunden am Tag identifizierte, sehr detaillierte elektronische Nutzungsdaten mit Telekommunikationsdaten, Ortsdaten und zukünftig immer häufiger auch mit Bilddaten sowie Informationen aus lokalen Netzen, mit denen sich Ihr Gerät verbindet (z.B. in der Wohnung, im Einkaufszentrum oder im Car-to-car im Straßenverkehr).

Dabei werden weit mehr Daten erhoben, als früher jemals vorstellbar oder sinnvoll analysierbar waren. Durch die neue Generation der In-Memory-Datenbanken wird es nun aber möglich, diese Daten automatisiert in Echtzeit auszuwerten. Dabei können durch Anwendung induktiver statistischer Methoden sehr treffsichere Prognosen der Nutzerbedürfnisse, des Nutzerverhaltens und geeigneter Methoden seiner Beeinflussung sowie der zukünftigen Kundenwertentwicklung erfolgen.

Ein passender Exkurs zur entsprechenden Analyse von Internet-Metadaten durch Geheimdienste muss aus Zeitgründen hier leider unterbleiben. Aber der Filmtext von Tom Cruise aus Minority Report ist bereits heute durchaus realistisch: "Pre-Crime Unit – ich verhafte Sie wegen eines Mordes, den Sie morgen begehen werden."  Staatlicher Verbraucherschutz in den USA gegen die Art der derzeitigen Datensammlung durch Apple, Google, Facebook & Co. ist vor diesem Hintergrund Illusion, diese wird im Gegenteil sehr begrüßt. Das wird auch beim Payment so sein.

 

( V. )

Das Ziel eines groß angelegten Mobile-Payment-Verfahrens im Jahr 2013 ist nicht mehr primär die Erzielung von Transaktionsgebühren, wie es früher der Fall war. Damit ist derzeit auch kein Geld zu verdienen. Das Hauptziel eines modernen M-Payment-Verfahrens ist Mobile Marketing, ist die Generierung von Transaktionsdaten in dem Sinne, den ich zuvor ausführlich geschildert habe.

Bezahldaten gehören zu den mächtigsten Daten überhaupt. MasterCard kann anhand von Bezahldaten in den USA bereits heute besser prognostizieren, wer sich in den nächsten fünf Jahren scheiden lassen wird, als es die Leute selbst können.

Es gibt es nur eine Handvoll Player, die perspektivisch über eine hinreichende Menge Kundendaten verfügen, um das zuvor Beschriebene in absehbarer Zeit zu realisieren. Kriterium ist hierbei die Querschnittlichkeit ihrer Dienste im Leben des Kunden, beispielsweise gemessen an der Nutzungszeit pro Tag. Man kann diese Frage letztendlich auch mit "Wem gehört der Kunde?" übersetzen und der Kampf darum ist voll entbrannt. Derzeit gibt es fünf realistische Kandidaten: In der ersten Reihe Apple, Google, Facebook, in der zweiten Reihe eBay/PayPal und Amazon. Alle haben sehr unterschiedliche Stärken und Schwächen, auf die ich hier aus Zeitgründen nicht näher eingehen kann. Unter Forschern wird diese Gruppe nach ihren Anfangsbuchstaben als AGFEA bezeichnet.

Alle haben gemeinsam, dass Bezahldaten aus der realen Welt das wichtigste Puzzlestück sind, das Ihnen für die vollständige Nutzerprofilierung fehlt (im Falle der beiden ersten Player könnte man auch sagen: das letzte Puzzlestück), um ihre Dominanz in die reale Welt zu übertragen. Alle haben gemeinsam, dass sie seit Jahren Payment-Entwicklungen vornehmen und/oder Patente aufkaufen.

Als relevante Player zu beachten sind zudem noch die Kreditkartenunternehmen – nicht weil sie das Beschriebene selbst könnten, sondern weil sie prinzipiell mit jedem Player bündnisfähig sind, zuletzt haben ja auch die deutschen Mobilfunkanbieter die eigenen Strategien wegen Erfolglosigkeit eingestellt und sich Visa und MasterCard angedient. Lassen wir die aktuellen EU-Regulierungsvorschläge zu Kreditkartengebühren noch außer Betracht, könnte das 2-3% Kaufkraftverlust beim deutschen Verbraucher nach sich ziehen, der an diese Player abgeführt wird.

 

( VI. )

Lassen Sie mich zu einer Gesamtbewertung und zu Handlungsempfehlungen kommen.

Als Ausgangspunkt dafür möchte ich Ihren Blick jedoch noch einmal kurz auf den Nutzer, den Endkunden, lenken. Meine Forschungsgruppe hat sich, glaube ich, länger und tiefer mit dem Endkunden befasst als irgendjemand sonst im Bereich mobiler Dienste und M-Payment: Bitte schließen Sie aus meinen Ausführungen nicht, dass das Sammeln von Nutzerdaten verboten oder willkürlich erschwert werden sollte. Die Dienste der Zukunft werden alle auf der Auswertung von Nutzerdaten beruhen, zahlreiche neue Geschäftsmodelle werden entstehen und Deutschland kann und sollte sich dem nicht entziehen. Die Nutzer wollen die modernen und innovativen Dienste. Auf unreflektierte Verbote würden sie mit unreflektierten Einwilligungen reagieren, die erteilen sie ja jetzt schon, wenn auch ungern. Entsprechende Lösungen wären also nur Scheinlösungen.

Aus meiner Sicht erscheinen drei Dinge zentral:

(1)  Die Auswertung von Nutzerdaten ist wichtig und wird der zentrale Innovationsfaktor der nächsten zwei Dekaden sein. Aber der Manchester-Kapitalismus beim Sammeln von Nutzerdaten muss aufhören. Wir haben es durchweg mit nordamerikanischen Playern zu tun, die a) ein sehr anderes Datenschutzverständnis haben als wir und b) die EU-Datenschützer bislang am Nasenring durch die Arena führen (ebenso wie übrigens die Steuerbehörden).
Dazu gehört auch und vor allem die Unterbindung des dramatischen Missbrauchs von Marktmacht. Ein 16-jähriges Mädchen hat heute keine Wahl, ob sie die Nutzungs­bedingun­gen des De-Facto-Monopolisten Facebook akzeptiert – die Alternative ist der soziale Ausschluss.
Das gleiche gilt für das massenhafte Abgreifen der Smartphone-Daten durch die Besitzer der Betriebssysteme. Wer heute ein modernes Telefon will, egal von welchem Anbieter, gibt seine Datenhoheit ab. Auch das ist dramatischer Missbrauch von Marktmacht.
Pauschale, abgepresste Einwilligungen müssen unterbunden werden. Der Nutzer muss detailliert entscheiden können, welche seiner Daten verwendet werden dürfen. Dazu muss er zunächst einmal genau wissen, wer was mit seinen Daten vorhat. Das muss im gesamten Bereich mobiler Dienste so sein, aber insbesondere im M-Payment.

(2)  Der deutsche stationäre Einzelhandel – wie auch verschiedene andere Branchen – muss aus seinem Dornröschenschlaf aufwachen und erkennen, dass er dieses Spiel mit seinem bisherigen Verhalten zwar spielen (siehe etwa das M-Payment bei Edeka und Rewe), aber nicht gewinnen kann, weil ihm die Querschnittlichkeit fehlt. Der Effekt von querschnittlichen Playern ist, dass sie eine vollständige Empfehlungsmacht entwickeln und den Nutzer mit hoher Trefferquote zu einem Online- oder Offline-Händler lenken können. Im nächsten Schritt werden Händler dafür zahlen müssen, bei diesen Empfehlungen berücksichtigt zu werden. Dem 1x1 der Mikroökonomie folgend wird dabei im Wettbewerb die Rendite des Einzelhändlers abgeschöpft. Darüber hinaus folgt für große Teile des Einzelhandels ein ruinöser Preiswettbewerb gegen den Online-Handel, den sie nicht gewinnen können. Die Allgegenwärtigkeit der Empfehlungsmacht moderner Mobile-Marketing-Systeme, die auf M-Payment basieren, wird dabei nicht viele Nischen übrig lassen. Die Wirkung auf die Arbeitsplätze ist nicht Thema dieser Veranstaltung, aber auf die makroökonomischen Auswirkungen sei zumindest nachdrücklich hingewiesen.

(3)  Die Lösung kann nur intelligente Regulierung plus eigene Innovation lauten. Einerseits müssen die Auswüchse der Datenenteignung – im M-Payment, aber sinnvollerweise für alle mobilen Dienste – so unterbunden werden, dass der Nutzer keine wesentlichen Einschränkungen wahrnimmt. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt noch problemlos möglich.
Andererseits – und das ist entscheidend – müssen wir Systeme entwickeln, die Nutzerdatenauswertung nicht gegen den Verbraucher und verborgen vor ihm so wie heute, sondern mit ihm zusammen und transparent vornehmen.
Abseits vom unmittelbaren Verbraucherschutz sei dabei noch gesagt: Wollen wir für unsere eigene – deutsche und europäische – Volkswirtschaft handeln, sollten wir dabei sowohl die mögliche Abschöpfung der Handelsmargen durch Inhaber zentraler Empfehlungsmacht als auch die Wettbewerbssituation zwischen Online- und Offline-Handel ins Kalkül ziehen und überlegen, inwieweit eine agnostische Position hier noch vertretbar ist.
Eine mögliche Lösung könnte eine neutrale Instanz beinhalten, die Kundendaten klassischer Offline-Unternehmen treuhänderisch sammelt, aggregiert, Auswertungen bereitstellt und Mobile-Marketing-Kampagnen ermöglicht, bei denen der Kunde seine Datenhoheit behält und der stationäre Handel nicht übervorteilt, sondern gestärkt wird.

Apropos Innovation: Wenn Europa in der elektronischen Welt nicht auf Dauer nur hinterherlaufen will, wäre auch die Debatte um den elektronischen Euro, die die EZB sich bisher weigert zu führen, dringend angezeigt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die neuen Dienste werden kommen und Mobile Payment wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Lassen Sie uns dabei nicht tatenlos zuschauen, sondern aktiv im Sinne des Verbrauchers mitgestalten.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit !