Prof. Dr. Key Pousttchi | Keynote Speaker

Key Pousttchi – eine ungewöhnliche Karriere

Univ.-Prof. Dr. rer. pol. habil. Key Pousttchi ist ehemaliger Offizier, international renommierter Wissenschaftler und führender Experte in den Bereichen Digitale Transformation und Mobile Business.


Von Führung und Strategie zum Vordenker der Digitalen Transformation in Deutschland



Aufgewachsen im Nordwesten Deutschlands, wo man Hochdeutsch spricht und gesunde Skepsis erste Bürgerpflicht ist, war Key Pousttchi von Anfang fasziniert von der in den 80er-Jahren neu aufkommenden Computertechnik. Bereits mit 17 Jahren Volkshochschuldozent für EDV-Kurse und Programmierung, entschied er sich nach dem Abitur jedoch zunächst für eine völlig andere Laufbahn, die seine Persönlichkeit formte: Ausbildung zum Offizier der Panzertruppe ab 1989, Offizierschule des Heeres, erste Führungsverwendungen im Panzerbataillon 314, Oldenburg, und im Panzeraufklärungsbataillon 3, Lüneburg, zum Zeitpunkt seiner Ernennung jüngster Leutnant des deutschen Heeres. 1992 bis 1996 Studium Wirtschafts- und Organisationswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik an der Universität der Bundeswehr in München. Absolvierte das Diplom in 3,5 Jahren einschließlich Praktika. 1995 kam er das erste Mal mit Themen der Digitalen Transformation in Berührung und legte seine Diplomarbeit zur "Untersuchung des Zusammenhanges zwischen Informationstechnologie und Business Process Reengineering" ab. Zwei Jahrzehnte vor dem Mainstream gehörten moderne Simulationstechnologien auf der Basis von Augmented Reality und Virtual Reality in seinen folgenden Führungsverwendungen in den Panzerbataillonen 84, Lüneburg, und 104, Pfreimd/Oberpfalz, zu seinem Alltag und dem seiner Männer. Moderne Führung und Ausbildung mit digitaler Technologie, deren Ergebnis die Fachzeitschrift "Truppenpraxis" als die beste Panzerschießausbildung der Bundeswehr herausstellte.

In den 90er-Jahren ging die Bundeswehr erstmals in Auslandseinsätze, und so wurde auch sein Dienstplan immer wieder unterbrochen: Abordnung zum Schichtdienst in der Operationszentrale für den Jugoslawien-Einsatz IFOR im Heeresführungskommando Koblenz, Ausbildung in Presse-/Medienarbeit und Krisenkommunikation und Einsatz als Pressesprecher des Generals der Deutsch-Französischen Brigade in Müllheim und Sarajevo, wo Key Pousttchi von Juni 1997 bis Februar 1998 Teil der internationalen, von den USA geführten Friedensmission SFOR in Bosnien-Herzegowina war und neben der Bedienung von Waffen und Gerät im Umgang mit hochrangigen internationalen Medien, Botschaftspersonal und politischen Delegationen (einschließlich persönlichem Umgang mit den Außenministern Kinkel und Védrine, dem Verteidigungsminister Rühe und dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl) einige Dimensionen mehr an Transformationsprojekten entdeckte, als ihm bis dahin bewusst waren. Schließlich wurde er ausgewählt, für den Kosovo-Einsatz KFOR das erste Kontingent auszubilden. Damit gehört er zu den wenigen, denen nicht nur professionell der strategische Blick auf die Dinge antrainiert wurde, sondern die auch im Einsatz auf allen Ebenen erfahren haben, worauf es tatsächlich ankommt. Nicht nur der deutsche, sondern auch der französische Staat verlieh ihm für seinen Jugoslawien-Einsatz die nationale Einsatzmedaille.

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in diesem Umfeld eine Frage von Leben und Tod – und eher weit weg vom Elfenbeinturm der Wissenschaft. Doch "der Blick für das Wesentliche" als entscheidende Fähigkeit ist beidem gemeinsam und im Jahr 1999 holten ihn auch seine Studieninhalte wieder ein: Er bekam den Auftrag, das IT-Dezernat in der Gruppe Weiterentwicklung (dem militärischen Äquivalent zu F&E) in Hammelburg mit aufzubauen und an der Weiterentwicklung der lasergestützten Gefechtssimulationssysteme zu arbeiten. Wie schon als Pressesprecher im Jugoslawieneinsatz, war er auch für diesen Dienstposten eigentlich 15 bis 20 Jahre zu jung – und bewährte sich glänzend. Die Erfahrungen, die er hier in Rüstungsprojekten mit der Industrie (und dem Ämterwirrwarr der Bundeswehr) sammelte, hinterließen zwar nicht immer nur gute Erinnerungen. Aber die Kombination von festem Willen, Klarheit und einer gesunden Portion Pragmatismus führt zum Erfolg, wenn es darum geht, nicht nur richtig gute theoretische Konzepte zu entwickeln, sondern diese auch in die Praxis und den Regelbetrieb zu bringen. Übrigens: Ohne diese Fähigkeiten wäre auch der Master-Studiengang Digitale Transformation niemals eingeführt worden. Aber das ist eine andere Geschichte, die erst viele Jahre später spielt.


Zurück an die Universität und Karriere als Wissenschaftler



Kaum glaublich: Manchmal ist sogar ein öffentlicher Dienstherr dankbar. Und so durfte Key Pousttchi das letzte Jahr seiner Dienstzeit an die Universität der Bundeswehr in München zurückkehren, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Informatik. Was für andere "Vorbereitung auf Dienstschluß" hätte sein können, war für ihn nur der Start einer weiteren steilen Karriere. Der Plan für diese war eigentlich klar: MBA im Ausland, Unternehmensberatung, ohne Helm und Waffe etwas von der Welt sehen. Mit einem Top 3% Ergebnis im GMAT (eigentlich zu dieser Zeit Asiaten auf dem Weg zum Harvard-MBA vorbehalten) waren die Voraussetzungen denkbar günstig. Aber es kam ganz anders.

Die Frage des jungen Vertretungsprofessors, mit dem er den neuen Studiengang Wirtschaftsinformatik in München aufbaute, war einfach: Warum er eigentlich als Student in einen MBA gehen wolle, wenn er auch als Dozent in einen MBA gehen könne? Das Forschungsthema könne er sich aussuchen. Ein Jahr später war aus dem Vetretungsprofessor ein Lehrstuhlinhaber an der Universität Augsburg mit sehr viel Budget geworden und aus dem Offizier dessen Forschungsgruppenleiter und einer der Pioniere der Mobile-Business-Forschung in Deutschland: Von 2001 an baute er an der Universität Augsburg die Forschungsgruppe wi-mobile auf.

Sie etablierte sich nicht nur schnell an der Universität, sondern binnen weniger Jahre sogar international als eine der ersten Adressen: 2004 in New York für einen Beitrag zu mobil-integrierten Geschäftsprozessen und 2008 in Barcelona für einen Beitrag zum Mobile Marketing wurde er von der International Conference on Mobile Business (ICMB) für den besten Forschungsbeitrag ausgezeichnet, als erster Forscher überhaupt erhielt er diese Auszeichnung zweimal. Und das, obwohl er die für eine Forscherkarriere notwendigen akademischen Titel zunächst noch ablegen mußte: Seine Promotion zum Mobile Payment (2004) und seine Habilitation zum Einsatz des Mobile Business in Organisationen und Angeboten für Endkunden (2009) erfolgten mit Auszeichnung an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Daneben lehrte er Mobile Business und Mobile Commerce an den Universitäten Zürich, Frankfurt und Magdeburg, wo er von 2009 bis 2010 vertretungsweise auch Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik I war.


Erster Universitätsprofessor für Digitalisierung



Anfang 2015 wurde er zum ersten Inhaber eines Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an einer deutschsprachigen Universität berufen. Das Softwareunternehmen SAP förderte diese Berufung mit einer siebenstelligen Summe  weltweit derzeit der einzige Stiftungslehrstuhl des Weltmarktführers für Unternehmenssoftware, auch der Nachbarschaft zum Hasso-Plattner-Institut geschuldet. Sein Forschungsprogramm zur Digitalen Transformation ist ehrgeizig. Aber das ist nicht alles: In der neuen Empfehlung für die Wirtschaftsinformatik-Ausbildung an Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, verabschiedet im  Februar 2017 in St. Gallen, wird erstmals Digitale Transformation zu einem der Hauptausbildungsbereiche. 


Dafür hat er nicht nur in der Wissenschaftlichen Kommission Wirtschaftsinformatik gekämpft und in den zuständigen Ausschüssen dann die Inhalte mit festgelegt, sondern führt mit seinen renommierten Kollegen vom Insititut für Wirtschaftsinformatik und Digitale Gesellschaft auch gleich den ersten deutschsprachigen Masterstudiengang für Wirtschaftsinformatik und Digitale Transformation ein: Start im Herbst 2017 an der Universität Potsdam. Wie man erfolgreich IT-Systeme baut, können die Studenten dabei am weltberühmten Hasso-Plattner-Institut lernen. Wie man jedoch Unternehmen und die Gesellschaft erfolgreich durch die Digitale Transformation führt, welchen Effekt Smartphones und Big Data wirklich haben werden und wie Europa im Wettbewerb mit Apple, Google, Facebook und Amazon bestehen kann, bleibt auch im neuen Studiengang sein persönliches Kernthema in Forschung und Lehre.


Sein wissenschaftliches Werk umfasst derzeit 11 Bücher und mehr als 60 wissenschaftliche Beiträge in Journals und Proceedings. Er veröffentlichte 2003 das erste deutschsprachige Lehrbuch zum Mobile Commerce. 2009 war er der erste Forscher, der vom international führenden Journal of Information Technology für einen Beitrag aus dem Bereich des Mobile Business  ("Mobile word-of-mouth – a grounded theory of mobile viral marketing", mit seinen Mitarbeitern Dietmar Wiedemann und Wolfgang Palka) die Auszeichnung für den besten Forschungsbeitrag des Jahres erhielt, wofür er im Folgejahr auch von der US-Fachgesellschaft AIS für den weltweit besten Forschungsbeitrag nominiert wurde. 2010 wurde er in Augsburg mit dem Wissenschaftspreis der Viermetz-Stiftung (dotiert mit 10.000 EUR) geehrt.

Seit 2012 ist er Sprecher des Leitungsgremiums der Fachgruppe Mobilität und Mobile Informationssysteme der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI), in der unter anderem die deutschen Mobile-Business-Forscher zusammengeschlossen sind. Seit 2009 gehört er dem Leitungsgremium des Fachbereichs Wirtschaftsinformatik sowie zusätzlich seit 2012 des Fachbereiches Datenbanken und Informationssysteme der GI an. Außerdem ist er Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission Wirtschaftsinformatik (WKWI) sowie der Wissenschaftlichen Kommission Marketing im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre (VHB). In den USA ist er Mitglied der Association for Information Systems (AIS) sowie der Association for Computing Machinery (ACM).

Neben seiner wissenschaftlichen Forschung machte er sich insbesondere in der Praxis einen Namen, zum Beispiel als Gründer der traditionsreichsten deutschen Mobile-Business-Konferenz MCTA. Vorträge und Projekte führten ihn nach Nordamerika, Asien und Afrika. Er wirkte in zahlreichen Projekten mit, u. a. leitete er das National Roundtable M-Payment der deutschen Mobilfunkanbieter und Banken, das Canadian Roundtable and Think Tank on Mobile Payment and Banking und war Mitglied im Expertengremium M-Enterprise für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi). Darüber hinaus ist er als Keynote-Speaker, Aufsichtsrat und gefragter Gesprächspartner der Medien vom Deutschlandfunk bis zur New York Times aktiv und berät internationale Unternehmen in strategischen Fragen zu Digitalisierung und Digitaler Transformation.