Digitalisierung (durch)denken! | Prof. Dr. Key Pousttchi | Keynote Speaker
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Die Facebook-Daten und Cambridge Analytica – was ist passiert und wer ist schuld?


In der Berichterstattung gerät maches etwas durcheinander. Hier einige Fragen und Antworten dazu von Prof. Pousttchi:

  

Was ist wirklich passiert?

Wissenschaftler haben für Cambridge Analytica eine App gebaut, die einen psychologischen Test durchführt und dem Nutzer eine Auswertung gibt. Etwa 300.000 Nutzer haben teilgenommen. Um daran teilzunehmen, mußte Zugriff auf die Daten des Facebook-Profils gewährt werden (so wie viele andere Apps das auch verlangen, und die Nutzer haben natürlich gerne alle <OK> geklickt). Die Wissenschaftler haben das Facebook-Profil jeweils bis zum Maximum abgeschöpft, also einschließlich der freigegebenen Daten aller Facebook-Freunde dieser Nutzer. Die Zahl dieser Freunde wird in den Medien auf bis zu 50 Mio. geschätzt. Diese Daten wurden ausgewertet und ein Modell entwickelt, das zur psychologisch optimierten Beeinflussung von Wählern bei der US-Präsidentschaftswahl durch auf Facebook gezeigte Wahlwerbung genutzt wurde.

Welche Daten wurden verwendet?

Wir haben: (1) Ergebnisdaten eines psychologischen Tests von ca. 300.000 Teilnehmern, (2) die vollständigen Facebook-Profildaten von genau diesen 300.000 Teilnehmern, (3) die für Freunde sichtbaren Daten von bis zu 50 Mio. Nutzern. Letztere dürften nur in geringem Umfang genutzt worden sein, da sie für die Modellierung im Vergleich zu (1) und (2) eher wenig Erkenntnis bringen. Die Kombination aus (1) und (2) allerdings ist sehr stark, im übertragenen Sinne so etwas wie "waffenfähiges Plutonium".


Was wurde mit den Daten genau gemacht?

Die Daten wurden mit quantitativ-empirischen Modellen getestet. Dabei kann man beispielsweise erkennen, an welchen äußeren Facebook-Merkmalen man welche psychologischen Eigenschaften erkennen kann und wie sich die Leute verhalten. Die Zahl von 300.000 Teilnehmern ist sehr hoch, vor allem aber ist die Kombination vollständiger Profildaten mit einem psychologischen Test natürlich perfekt für diesen Zweck. Damit kann man sehr gute und detaillierte Modelle machen. Nun vergleicht man eine Vielzahl möglicher Modelle mit ihrem Vorhersagewert auf Vergangenheitsdaten, wählt das mit der höchsten Prognosequalität aus und unterstellt, daß dieses auch für die Zukunft die besten Prognosen liefert und daß es auch für die die Gesamtbevölkerung funktioniert (Extrapolation). Das ist für den beabsichtigten Zweck hier auch realistisch.

Facebook Cambridge Analytica Data

Wie wurden die Ergebnisse genutzt?

Das Ergebnis bedeutet, daß ich nun mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weiß, an welchen öffentlichen Merkmalen eines Facebook-Profils welche psychologischen Eigenschaften erkennbar sind, also vor allem (a) wie beeinflußbar derjenige Nutzer ist und (b) wie man ihn beeinflussen kann. Das hat man dann über das Zeigen psychologisch exakt passender Anzeigen zu exakt passenden Zeitpunkten auf exakt passende Weise gemacht.

Welche Verantwortung trägt Facebook?

Facebook hat die Daten bereitgestellt, allerdings in jedem Einzelfall mit Einwilligung des Nutzers. Nun macht Facebook geltend, dies sei nach den Facebook-Regeln nur zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt gewesen und die Weitergabe an Cambridge Analytica habe dagegen verstoßen. Facebook-Regeln hin oder her: Die Nutzer haben die Weitergabe ihrer Daten erlaubt. Und wir führen auch die falsche Diskussion.

Denn es wird die ganze Zeit davon ausgegangen, daß die Daten bei Facebook gut aufgehoben sind und Facebook selbst entscheiden sollte, was damit gemacht werden darf. Nur mal so: Glauben Sie, Facebook selbst macht keine Auswertungen mit seinen Daten? Und wenn man mit einer Momentaufnahme der Profildaten und einer simplen Test-App eine Präsidentschaftswahl stark beeinflussen kann, was kann dann Facebook mit der Gesamtheit der Daten tun? Wenn Mark Zuckerberg bei dieser Wahl angetreten wäre und alle ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel eingesetzt hätte, wäre er jetzt Präsident.

Nebenbei bemerkt: Es wäre angemessen, wenn Facebook nach den diversen Machenschaften, die im Zusammenhang damit aufgekommen sind, die Einnahmen aus der US-Präsidentschaftswahl spenden würde. Damit könnte man aufarbeiten, wie Big Data zum Nutzen der Menschen eingesetzt werden und man die Nachteile begrenzen kann. (Aber bitte nicht unter der Leitung von Facebook.)

Wo kann ich Seriöses nachlesen?

Die beste Quelle ist der Original-Artikel aus dem Guardian. Erst danach lohnt es sich, die Kommentierungen der verschiedenen Medien zu lesen.

Seit wann kennen wir die aktuellen Vorfälle?

Big Data wurde in großem Umfang erstmals vom Obama-Team 2012 eingesetzt. Über die konkrete Vorgehensweise von Cambridge Analytica und Aleksandr Kogan wurde erstmals im Dezember 2015 berichtet, im Zusammenhang mit Senator Ted Cruz (also damals noch gegen Donald Trump) in den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl 2016, ebenfalls vom Guardian. Aber so richtig ins Rollen gekommen ist die Berichterstattung nun durch das "Whistleblowing" von Christopher Wylie im Guardian vom 18. März 2018.

Ein sehr gutes Interview mit Michal Kosinski findet sich in der taz. Seinen wissenschaftlichen Originalartikel "Psychological targeting as an effective approach to digital mass persuasion" kann man im Journal PNAS nachlesen.

Ist Facebook mit diesen Möglichkeiten allein auf weiter Flur?

Facebook ist nur auf Platz 3. Google und Apple sind noch deutlich weiter, da sie Zugriff auf die Daten der Smartphone-Betriebssysteme haben. Da braucht der Nutzer auch an keinem psychologischen Test mehr teilnehmen. Übrigens werden sie damit in der Zukunft auch ihr Geld verdienen.

Originaljournal

Ich möchte etwas Unterhaltung und mich auf diesem Gebiet weiterbilden. Was lese ich?

Immer noch "The Circle" von Dave Eggers. Wenn es nach mir ginge, müßte das Pflichtlektüre spätestens in der 7./8. Klasse sein.

Wenn Sie Student sind (egal in welchem Fach), kommen Sie gern in meine Lehrveranstaltung "Implications of Digital Life and Business", da gibt es Hintergrundwissen und Diskussion zu diesen Entwicklungen. Wir haben sogar einen ganzen Master-Studiengang zur Digitalen Transformation, der vor kurzem eröffnet wurde (dafür müssen Sie aber 24 LP Informatik/Wirtschaftsinformatik mitbringen).

Und wenn Sie eine Keynote zu diesem Thema und seinen Auswirkungen auf Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft haben möchten, fragen Sie mich natürlich gern.