Digitalisierung (durch)denken! | Prof. Dr. Key Pousttchi | Keynote Speaker
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FAZ zu ernsthafter Ausbildung für die Digitale Transformation mit Prof. Pousttchi

FAZ Master Digitale Transformation Digitalisierung


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2018
 

Irgendwas mit Digitalisierung

Viele Studiengänge schmücken sich mit dem Schlagwort der IT-Revolution. Was dahintersteckt, ist nicht immer so leicht zu erkennen.

Von Deike Uhtenwoldt

Ein Redner steht hinter einem Logo der Vereinten Nationen, er stellt die Frage: "Wer von euch glaubt, dass Blockchain die Zukunft des Bankwesens ist?" Die Zuhörer strahlen, alle Hände sind oben. Der Redner fragt weiter: "Wer von euch kann erklären, was Blockchain ist?" Nun sind alle Blicke und Hände gesenkt, nur eine Fliege dreht einsam ihre Kreise. So stellt es ein kleiner Cartoon dar, den Professor Key Pousttchi gerne auf Twitter teilt oder in Interviews vorstellt. Und zwar in der Überzeugung, dass die Geschichte anders ausgegangen wäre, hätte der Redner seine Fragen nicht an einem UN-Pult, sondern an der Universität Potsdam gestellt. Dort lernen Studenten nämlich gerade in dem neuen Master-Studiengang Wirtschaftsinformatik und Digitale Transformation, kritische Fragen zu stellen – und vor allem auf den Punkt zu kommen, sagt Pousttchi. Denn : "Wenn man die Dinge nicht einfach erklären kann, dann hat man sie nicht verstanden."

Das gilt auch für die sogenannte dezentralisierte Datenhaltung, die in den vergangenen Jahren Furore gemacht hat: "Die Blockchain ist Lifestyle, und alle rennen ihr hinterher - ohne zu wissen, warum", sagt Pousttchi. Dabei sei diese Technologie nicht nur ein ineffizienter Stromfresser. Sie bedeute auch das Ende der Banken, sollte sie sich eines Tages durchsetzen: "Wenn eine Bank ihr zentralisiertes System der Datenhaltung aufgibt, schafft sie sich selbst ab", sagt Pousttchi. Genau diese Zusammenhänge sollen seine Studenten erkennen und benennen können. "Fakten auf den Tisch legen, Technologien bis zum letzten Bit und Byte erklären, die Puzzleteile zusammenfügen – und dann entscheiden. Wir bilden Unternehmenslenker für die digitalisierte Welt aus~, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam.

Dafür müssen sich Studienanfänger allerdings im ersten Semester eine Menge Stoff aneignen. An den drei Pflichtfächern – Anwendungsentwicklung mit dem Schwerpunkt Industrie 4.0, Social Media Research sowie Mobile und Digital Business – kommt keiner der angehenden Master vorbei, bevor sie in den folgenden drei Semestern eigene Schwerpunkte setzen und an aktuellen Themen oder den Grundlagen der digitalen Transformation arbeiten können. "Am Ende ist 90 Prozent ehrliche Arbeit", sagt der Hochschullehrer, der regelmäßig Vorträge mit dem Titel "Megatrends Mobile, Digitalisierung und Big Data" hält. "Und dann findet so eine Idiotendiskussion wie um die Blockchain hoffentlich nicht mehr statt – jedenfalls nicht mit den Leuten, die wir ausgebildet haben."

Noch sind das inoffizielle Zielvorgaben. Denn "Deutschlands erster universitärer Studiengang für Wirtschaftsinformatik und Digitale Transformation", wie ihn die Universität Potsdam selbstbewusst vermarktet, ist erst im Oktober 2017 an den Start gegangen. Die Betonung auf "universitär" ist dabei zentral, denn es gibt durchaus Bachelor-Studiengänge wie "Digitale Wirtschaft" (Beuth Hochschule für Technik Berlin) oder "Digital Business & Data Science" (University of Applied Sciences Europe, Hamburg oder Berlin) , Master wie "Digital Management & Transformation" (SRH Fernhochschule) sowie "Digitalisierung, Innovation und Informationsmanagement" (Hochschule Bremerhaven) – nur eben an Fachhochschulen. Berufsbegleitende Studiengänge wie der "Master of Digital Transformation Management" – unlängst an der Goethe-Universität Frankfurt an den Start gegangen – sind eine noch größere Ausnahme. Bleibt die Frage, ob das Schlagwort Digitalisierung bei all den Studiengängen, die es inzwischen im Namen tragen, mehr ist als ein Lockmittel, das in die Zeit passt.

Wer nur nach der omnipräsenten Digitalisierung fahndet, greift sowieso zu kurz, findet Karin Vosseberg, Professorin und Konrektorin der Hochschule Bremerhaven. "Ich verstehe den Hype nicht so ganz", sagt sie. "Jeder Informatikstudiengang beschäftigt sich mit der Digitalisierung, das wird nur zu wenig wahrgenommen." Allerdings sieht auch die Informatikerin in der Vernetzung eine neue Qualität, die es zu erforschen gilt: "Das Internet der Dinge wird uns lange beschäftigen. Und wir wissen noch nicht, wohin es geht." Um Manager darauf vorzubereiten und neue Ideen in Unternehmen zu bringen, hat sie in Bremerhaven den Masterstudiengang zur Digitalisierung im vergangenen Sommersemester an den Start gebracht: "Unter den 18 Teilnehmern im ersten Durchgang sind auch reine BWLer und Touristikmanager", sagt sie. "Leute, die noch nie programmiert haben." In Teamarbeit mit den Informatikern werden sie in die Programme eingearbeitet.

Das Thema betrifft eben alle, Studiengänge und Universitäten. So hat die TU Chemnitz gerade den Masterstudiengang "Digitale Arbeit" im Bereich Techniksoziologie entwickelt. Die Universität Mainz bereitet angehende Ärzte auf "Medizin im digitalen Zeitalter" vor. Und die RWTH International Academy bildet in drei Semestern in Aachen oder nebenberuflich in sechs Semestern zum Master "Management and Engineering in Technology, Innovation, Marketing, Entrepreneurship" – kurz: MME-TIME – aus. Gewaltiger Titel, gewichtiges Anliegen: "Die Studierenden sollen den digitalen Wandel und ihre eigene digitale Arbeitswelt mit Weitsicht, Sozialkompetenz und Verantwortungsbewusstsein erfolgreich gestalten", so die Beschreibung des Studiengangs. 200 Interessenten hatten sich zum Start im Wintersemester 2017 auf die 30 nicht gerade billigen Plätze beworben – der Studiengang kostet 30 000 Euro.

Wer hinter die Etiketten und Versprechungen gucken will, sollte statt auf die Werbeseiten der Hochschulen auf die Prüfungsordnung, die handelnden Personen und ihre Veröffentlichungen schauen, rät Key Pousttchi. "Wissenschaft ist viel transparenter, als man glaubt", sagt er. "Man muss sich nur die Zeit nehmen, um tiefer hinzugucken, und darf nicht nur die Oberfläche erkunden – genau wie bei der Digitalisierung auch." Und man dürfe sich nicht von Titeln blenden lassen. "Das ist ein aufgeladener Begriff", sagt Thimo von Stuckrad über das Dauerthema Digitalisierung.Der Soziologe hat im Auftrag des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) aus Gütersloh die Profilbeschreibungen von 400 deutschen Hochschulen untersucht. Am häufigsten stieß er dabei auf den Begriff der Nachhaltigkeit. Die Digitalisierung tauchte an dritter Stelle auf, hinter der Globalisierung und gleichauf mit Schlagworten wie Menschenrechte oder Entrepreneurship, aber deutlich häufiger als Industrie 4.0.
 

Dabei konnte die CHE-Studie zwei Hochschulen ausmachen , die ihr Profil thematisch mit dem digitalen Wandel verknüpft haben: Zum einen die Universität Paderborn mit einem Schwerpunkt Informatik unter dem Slogan "Die Universität der Informationsgesellschaft " . Zum anderen die Macromedia "llochschule zur Gestal tung des digitalen Wandels" mit Hauptsitz in München. Hier handelt es sich um eine private Fachhochschule mit den Schwerpunkten Journalistik, PR und Design, ein Studium kann bis zu 30 000 Euro kosten. Dafür werde man hier zum "Gestalter des digitalen Wandels" ausgebildet, sagt Claudia Lehmann, die Sprecherin am Standort Hamburg, in bestem Werbedeutsch. Beliebt sei zum Beispiel der Master-Studiengang Medien- und Kommunikationsmanagement: "Der ist besonders breit aufgestellt und entspricht den Interessen der jungen Leute, sich noch nicht ganz festlegen zu wollen", sagt sie. Das klingt fast schon nach: Hauptsache, irgendwas mit Digitalisierung studieren. Jedenfalls ist es nicht das, was Key Pousttchi – ganz allgemein – unter Digitalisierung als universitärem Hauptbeschäftigungsfeld versteht . "Das Thema wird die ganze Gesellschaft verändern und unser System auf den Kopf stellen", sagt er. "Und da sagen wir, dafür könne man ja gar nicht ausbilden, das sei doch viel zu schnelllebig oder dafür müsse man ja gar nichts können – hallo?"

Seit sich der Professor eingehender mit der Digitalisierung befasst, hat er das Smartphone wieder abgeschafft, nutzt alternative Suchmaschinen und kann belegen, was Sprachassistenten wie "Siri" alles prognostizieren, wenn wir flächendeckend Daten über uns preisgeben. Mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft und traditionelle Industrien, sagt Pousttchi: "Da schiebt sich einer zwischen Händler und Kunden, der vorhersagen kann, was der Kunde demnächst kaufen wird, und versteigert ihn dann meistbietend weiter."

Kein Wunder, dass die Wirtschaft Interesse an der Forschung darüber hat: Key Pousttchi s Lehrstuhl wurde vom IT-Konzern SAP gestiftet, die Hochschule Bremerhaven kooperiert für das Praxisprojekt im ersten Durchgang mit der Abat AG, einem SAP-Dienstleister im Logistikbereich – und MME-TIME mit Amazon, wo die Studierenden ein Logistiklager besichtigen. Aber nicht nur derlei Kooperationen dürften sich häufen. Das Thema wird sich auf die Profilbildung von Hochschulen auswirken, ist sich der Soziologe von Stuckrad sicher: "Wenn wir in zwei Jahren unsere Untersuchung wieder durchführen, wird die Digitalisierung anstelle der Nachhaltigkeit an erster Stelle stehen."